Ja, die Dialektik des Web 2.0 ist schon ein spannendes Thema. Und mein beliebter Wake-up call auf BarCamps wenn nachmittags alle kurz davor sind einzudösen oder die Sessions ausgegangen sind. Da sitzen wir dann vor geschätzten 90% Macs+iPhones und philosophieren über user-generated content, participation age und den Erfolg von Wikipedia und so vielen anderen Vorzeigeprojekten.

Doch schon dieses Szenario muss zum Nachdenken anregen: denn Apple ist ein Unternehmen, das genau das Gegenteil des Web 2.0 ist, von einem Egomanen (sorry Steve, aber so nennen dich bestimmte Menschen im Valley) geführt wird und so intransparent ist wie sonst was. Die Weisheit der Massen hat hier keine Chance – aber die Umsätze und der Aktienkurs explodieren trotzdem. Apples Geschichte ist eine einzigartige Erfolgsgeschichte.

Doch nicht nur Apples Erfolg als “closed shop” macht stutzig. Da ist nämlich noch dieser Jaron Lanier. Ein Computer-Wunderkind und harscher Kritiker des dem Web 2.0 zugrundeliegenden Konzepts der Schwarmintelligenz. Laniers Gedanken sind scharfsinnig und aufrüttelnd zugleich:

Systeme wie Wikipedia, die er dem Konzept der Schwarmintelligenz zuordnet, fänden oder verbreiteten keine Wahrheiten, sondern nur die Durchschnittsmeinung einer anonymen Masse. Die Darstellung von Wissen erfordere dagegen persönliche Kompetenz und Verantwortlichkeit. Das Internet fördert nach Laniers Meinung den Glauben daran, dass ein Kollektiv Intelligenz, Ideen und Meinungen hervorbringen könne, die denen des Individuums überlegen seien. Diesen Irrglauben nannte er „Digitalen Maoismus“ und er führe dazu, dass das Kollektiv als wichtig und real angesehen werde, nicht aber der einzelne Mensch.

Lanier und Jobs gäben bestimmt ein gutes Team ab.

Doch zurück zum Thema: wenn auf der einen Seite das nutzergenierte Web 2.0 und die Weisheit der Massen so erfolgreich sind und auf der anderen Seite Tyrannen (und nicht Wikis) so bahnbrechende Produkte wie den iPod und das iPhone erfinden – was ist dann wahr oder richtig? Existieren hier zwei Wahrheiten nebeneinander?

Was für eine spannenden epistemologische Frage. Denn wenn man Organisations- oder Managementtheoretiker fragen würde, dann bekäme man sicher (mind.) zwei Antworten, welche Strukturen optimal sind.

Jimmy Wales, der Erfinder von Wikipedia, verweist in Bezug auf sein Wikipedia-Projekt ausdrücklich auf Friedrich A. von Hayek und dessen Arbeit “The use of knowledge in society”. Die spontane, dezentrale Nutzung von Wissen ist Hayeks Ergebnis der Analyse der spontanen Ordnung des Marktes. Ja, aber zentralistisch geführte und hierarchisch geprägte Strukturen wie bei Apple sollten doch eigentlich dem Internet an sich mit seinen vielen dezentralen Akteuren unterlegen sein?! Sind sie aber nicht.

These, Antithese, Synthese? Ja, hier streikt das Modell (oder die Realität?).

Die ganz pragmatische Sichtweise – welches System zieht mehr Intelligenz an und schafft einen höheren Output (Sind die Massen oder Tyrannen weiser?) – führt auch zu keinem objektiven Ergebnis. Denn beide Seiten des Kontinuums können großartige Leistungen vorweisen.

Es liegt also jeweils eine Anomalie vor bzw. die Theorien sind inkommensurabel. Das kann nur der Anlaß für mehr Forschungen sein, so wie sie z.B. James Surowieki anstellt. Die Synthese ist aber hier leider auch noch nicht in Sicht. Es bleibt also spannend – bilde sich und forsche wer kann zu dem Thema! Bis dahin gilt mit Paul K. Feyerabend (der Elefant im Popperschen Porzellanladen): Anything goes – lehne dich zurück und staune und geniesse einen Drink. Prost! – das ist fröhliche Wissenschaft.


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Die Dialektik des Web 2.0 – oder: Sind die Massen oder Tyrannen weiser?

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