Franz Patzig, BarCamp-Macher der ersten Stunde, hat eine spannende Diskussion eröffnet, die im Kern um die Thematik Zukunft des Formats BarCamp geht und inzwischen rege auch bei FuCamp-(Mit-)Organisator Oliver Gassner auf dessen Blog und auch auf Franz Patzigs Facebook-Seite diskutiert wird.
Die bisherige Diskussion dreht sich v.a. um Offenheit vs. Kommerz, da zunehmend der BarCamp-Gedanke für die PR bestimmer Sponsoren genutzt und damit entgegen dem Community-Gedanken “mißbraucht” wird. Das sind sicher Einzelfälle, die es zu diskutieren gilt, denn letztendlich steht fest: BarCamps gehören der Community und niemandem sonst.
Die enormen Kosten für derartige Veranstaltungen (das kann ich aus eigener Erfahrung sagen) sind nur mit Sponsoren zu finanzieren. Bisher kann ich nur über völlige Akzeptanz des BarCamps-Gedankens bei unseren Sponsoren (darunter Adobe, Bigpoint, HP, Smatch, etc.) berichten und mich natürlich dafür sehr, sehr bedanken. Denn ein BarCamp-Sponsoring ist – und das muss auch mal gesagt werden – für viele Marketing- und PR-Verantwortliche absolutes Neuland. Um so erfreulicher sind dann die positiven Reaktionen danach.
Doch zurück zum Thema: es geht um die Weiterentwicklung des Formats. Da gibt es einerseits die Bewahrer, die alles so lassen wie es ist und die Innovatoren. Ich zähle mich zu letzteren und finde eine Beschränkung auf das Bisherige und das “Standardformat” ehrlich gesagt langweilig (bzw. geradezu “konservativ”).
Eine Weiterentwicklung geht für mich mit einer Professionalisierung Hand in Hand, denn das heisst für mich sich mit den wachsenden Ansprüchen und Anforderungen der Teilnehmer und Sponsoren zu befassen und diesen gerecht zu werden. Da geht es 1. um die Infrastruktur / Logistik (ÖPNV-Anbindung ist nur ein Bsp., Badges, Shirts, ein anderes) 2. um die Methodik / Didaktik und 3. um die Finanzierung.
Den zweiten Punkt finde ich besonders wichtig. Da BarCamps auf divergentem Denken aufbauen, muss man diese “erforschen” und ausbauen. Alles was laterales, kreatives Denken fördert, könnte man ja mal mit echten “Fachleuten” / Didaktik-Experten besprechen und experimentell umsetzen.
Daneben wäre sicher eine Zentralisierung des Wissensaustausches z.B. über ein zentrales Wiki mit allen Sessions sehr hilfreich als Dokumentation und Quelle strukturierten Wissens.
Dieser Wikipedia-Ansatz fehlt übrigens auch im Orga-Bereich: jedes Orga-Team fängt bei Null an. Selbst so rudimentäre Dinge wie Checklisten und Orga-Tools gibt es nicht (ausser mixxt natürlich, dem De-Facto-Standard im BarCamp-Social-Software-Bereich).
Wenn man nun mal ganz groß denkt, wäre zu Punkt 3. auch eine BarCamp Foundation (ähnlich der Wikipedia Foundation) als zentrale Instanz eine sinnvolle Institution, die eine Finanzierung eines BarCamps nicht jedes Mal zu einem Vabanque-Spiel macht. Diese Stiftung könnte sogar ein zentrales Community House an einem zentralen Ort in Deutschland vorhalten und so jedes Wochenende ein Anlaufpunkt für BarCamper werden.
Das Bauhaus war übrigens mal so ein Ort. Ich denke wir sollten uns von diesen (schon damals) zukunftsweisenden Gedanken inspirieren lassen, anstatt darüber zu streiten, wem BarCamps denn nun wirklich gehören (mal abgesehen davon, daß Community Marks eine interessante Idee sind).
BarCamps sind ein tolles Format, nur sie sollten sich auch weiterentwickeln und “nach vorne weglaufen”. Dann haben Profiteure keine Chance.
P.S.: Ich hatte ja zu diesem Thema schon mal ein BarCamp der BarCamp-Organisatoren und BarCamp-Weiterentwickler vorgeschlagen – vielleicht sollte man das wirklich mal machen und nach neuen Wegen aktiv suchen. Oliver schlug dafür einen halben Tag auf der re:publica vor – ich bin dabei!
COMMENTS / 3 COMMENTS
JWD added these pithy words on Jun 25 09 at 14:08Hallo zusammen!
Für mich: das klassische Henne-Ei Problem. Was war zuerst und kann als Grundgedanke “den Beifang Kommerzialisierung” überleben?Aber auch die Frage, welche Aspekte werden benötigt, um die Entscheider und Web2.0 affinen Unternehmen anzusprechen? Ist es in diesem Punkt/für dieses Format nicht sogar so, dass Mindest-Anforderungen an Ausstattung und Professionalität unbedingt vorausgesetzt werden?
Dies braucht Fundraiser, Call und Booking Center – oder kurz eine administrative zentrale Anlaufstelle – oder aber recht viel Spielgeld für jede einzelne, regionale E2.0 Barcamp Veranstaltung.
Speziell für die BC Sponsoren gilt natürlich, dass eine Einflussnahme auf Programme und Inhalte nicht erlaubt ist, wohl aber als eine Art Geschäfts- und Job-Anbahnung verstanden werden kann: ein einseitiges Angebot quasi, dass den interessierten Barcamper anspricht oder auch nicht.
Denn schließlich gilt bei allem Wohlwollen der Sponsoren: wenn ich schon keine Spendenquittung bekomme, sondern Teil meines Marketingbudgets investiere, so MUSS ein Return erkennbar/aufzeigbar sein!!
Auf der anderen Seite sind Firmensponsoren gewohnt, für Azubi-Messen oder Stellenanzeigen ebenso Geld zu investieren. Barcamps sind nur ein anderer Orte für derartige Anbandelungen….
Wohlgemerkt: Einflussnahme NEIN aber Werbeplattform JA.
Ich finde die Diskussion sehr interessant, da wir derzeit selbst in der Planung fürs erste BarcampOWL in Bielefeld sind.
Achtung Werbeblock:-))
http://barcampbielefeld.mixxt.de/
Werbeblock Ende)
Gruss,
JW
Frank Huber added these pithy words on Jun 25 09 at 14:32@JWD Ich denke das Geben und Nehmen war auf den meisten BarCamps bisher sehr ausgewogen. Einflussnahme NEIN aber Werbeplattform JA kann ich nur mitunterschreiben. Euch in diesem Sinne viel Erfolg bei der Planung fürs erste BarcampOWL in Bielefeld!
Tom Klose added these pithy words on Dec 17 09 at 11:52ich kann das ansinnen auf eine weiterentwicklung von barcamps nur unterstützen. zwei gedanken hierzu:
- alle die, die sich auf die community berufen, wenn sie sich für ein bewahren des “urgedankens” aussprechen, frage ich, woher sie ihre sicherheit nehmen, für die community zu sprechen. letztlich bestimmen die teilnehmer eines barcamps mit ihrer anwesenheit, ihrem beitrag und ihrem feedback darüber, was und wie ein barcamp sein sollte. das ist im grunde darwinismus. wenn ein barcamp zu sponsorenlastig ist, dann findet sich dies mit sicherheit in der kritik wieder und wird sich ebenso in den teilnehmerzahlen beim nächsten mal ausdrücken. dann sind korrekturen angesagt.
auf der anderen seite, und das kann ich aus erfahrung sagen, kann es sich lohnen, dinge einmal bewusst anders zu machen (und/oder wegzulassen), um das ganze auf eine andere ebene zu heben. auch hier wird es immer wieder kritik geben, dabei ist es aber wichtig, das gesamtbild zu erkennen. ist das positiv, ist man auf dem richtigen weg.
stillstand ist rückschritt. klingt platt, ist aber so.- in meinen augen beinhaltet der gedanke des barcamps auch, es den organisatoren zu überlassen, wie sie es planen, organisieren und durchführen. nur so können so großartige veranstaltungen entstehen, wie wir sie vereinzelt immer wieder erleben.
lg
tom
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