Marken und das Web 2.0 werden oft als Widerspruch verstanden. Viral-Videos von Handy-Weitwürfen oder “illegale” Banned commercials gehören zu den schlimmsten Alpträumen so manchen klassischen Brand Managers, der in der unkontrollierten, fragmentierten Kommunikation des partizipativen Web 2.0 seinen Markenkern wie Schnee in der Sonne schmilzen sieht.

Junge Zielgruppe scheinen für Marken mit klassischen Kommunikationsmitteln kaum noch zu erreichen zu sein. Das geänderte Mediennutzungsverhalten, split attention, user-generated content, etc. sind heute Kommunikations-Grundkonstanten, die insbesondere Marken-Manager vor vollkommen neue Herausforderungen stellen.

Doch ist wirklich alles verloren, oder sollte man diese Entwicklungen nicht als Anlass für ein neues Markenverständnis nehmen? Und: was ist am Web 2.0 eigentlich so neu? Denn Fans von Produkten gab es schon immer. Mundpropaganda führt uns zur besten Eisdiele der Stadt, Word-of-mouth macht Geheim-Tipps zu Sterne-Restaurants und Hunderte von Fussball-Fanclubs machen klar, dass partizipative Bedürfnisse schon immer Nutzer und ihre Marke verbunden haben.

Durch das Internet sind aber die Transaktions- und Informationskosten derart gesunken, daß sich diese Strukturen sehr viel öfter und v.a. spontan – ohne Zutun des Markeneigentümers – entwickeln. Die Evolution der Marke wird so ein nicht kontrollierbarer und v.a. immer schnellerer Prozeß. Die ständigen Rückmeldungen der Markennutzer müssen dabei immer schneller verarbeitet werden.

Nike nennt das z.B. Conversational Marketing. Beim Conversational Marketing geht es nicht darum, andere von seiner Meinung zu überzeugen, sondern Fragen zu stellen, zuzuhören, eigene Vorstellungen außen vor zu lassen, schreibt Melanie Huber in ihrem Blog. Das setzt natürlich verschiedene Dinge voraus:

1. Man muß zuhören wollen.
2. Man muß zuhören können (d.h. man muss die richtigen Social Media Monitoring Tools nutzen).

Das Gehörte zu verstehen, richtig zu deuten und einzuordnen gehört ebenfalls dazu. Denn viele Web 2.0 User sind keine Influencer und daher nicht so einflußreich, wie viele glauben. Erst ein gerütteltes Maß an Erfahrung und die professionelle Analyse weist den Weg für den Einstieg in die Marken-Kommunikation 2.0, die v.a. von einem Dialog und sehr starkem User-Feedback geprägt ist.

Das alte Denken (”Viel hilft viel” und mit Werbedruck erreicht man alles) muss dabei um ganz neue Aspekte ergänzt werden. Sicherlich: Wer heute über eine Kooperation mit der Bild-Zeitung sein Volks-Produkt platzieren kann, der wird nach wie vor viele Menschen erreichen. Wer sich das nicht leisten kann oder dessen Produkt sich dafür nicht eignet, sollte sich nach Alternativen umsehen.

Klassische Marken sind eine Art monetarisierter Herdentrieb, so Florian Semle. Heute gilt es die Schwarmintelligenz des Web 2.o zu nutzen und sich dem Dialog zu stellen, ihn zu moderieren und zu leben. Die neue Art der Markenführung muss, und da stimme ich Florian zu, mit ihren Kunden auf einer Ebene kommunizieren können und über ein mindestens ebenbürtiges Kommunikationsrepertoire verfügen. Sie müssen eine eigene Meinung haben und diese geschickt vertreten können. Sie müssen Spaß verstehen, Humor beweisen und kreativ im Umgang sein, nicht in der gewohnten Form der Einbahnstraßen-Werbung.

Ob dabei Marken werden irgendwann in der Zukunft 2.0 nicht mehr für Kunden gemacht, sondern von den Kunden selbst gemacht werden sei dahingestellt, denn ein vollkommene Abgabe der Markenführung und Aufgabe des Markenkerns kommt einer Bankrotterklärung gleich.

Die Kunst der Markenführung wird in Zukunft darin bestehen, einen lebenden, atmenden und (teil-)offenen Organismus oder Biotop zu schaffen, der nicht wie ein regloses, monolithisches, top-down Denkmal in der Landschaft steht. In der Studie “Medien und Marken im Web 2.0 – Erlösmodelle für Medien in der digitalen Welt” von Hubert Burda Media (Danke an zitronenkern für den Hinweis) liest sich das so:

„Die Marke ist selbst zu einem Biotop geworden. Sie entwickelt sich durch die Möglichkeit der Open Source – das ist richtig gut!“

Die Nutzer von heute wollen mehr von ihrer Marke haben, teilhaben mit ihr kommunizieren, Feedback erhalten und mitgestalten. Marken von morgen müssen leben, lernen und durch Anpassung und Austausch wachsen. Genau darin besteht die Chance für jede Marke, sich im Wettbewerb um mehr Marktanteile vollkommen neu zu positionieren. Ich würde das als Branding 2.0 bezeichnen.


COMMENTS / 7 COMMENTS

[...] Marken und das Web 2.0: Widerspruch oder Anlass für ein neues Konzept der Markenführung? [...]

» Linktipps: Social Media Studie, Warum die Bezeichnung “Twitter Marketing” unsinnig ist und wie Social Media im B2B-Bereich eingesetzt werden kann added these pithy words on Jun 04 09 at 10:50

Ganz so schlimme sehe ich das nicht. Gerade hier kann und sollte man sich viel von Apple abschauen, der bildet sich mir nichts dir nichts quasi aus dem Produkt die community. Vielleicht sollten sich die Brandmanager mehr hierüber sorgen machen dass sie den Konsumenten Produkte anbieten, die diese brauchen. Bestes Beispiel Apple. Angefixt mit dem Ipod über das MacBook bis hin zum Iphone. Das natürlich mit dem Itunes Store richtig Geld im Musikbereich verdient wird muss man fast gar nicht erwähnen.
Ähnlich vielleicht bei Jack Wolfskin. Oder wer erkennt nicht immer häufiger die Tatze auf der Brust vieler aktiver Menschen. Die sich damit erhoffen etwas Outdoor Feeling zu erkaufen.

Also liebe Brand Manager – keine Angst… einfach mal bei der Konkurrenz schauen und mal was neues versuchen.

MS added these pithy words on May 31 09 at 12:04

Danke, MS für den Kommentar. Du hast Recht: Apple ist wirklich ein gutes Beispiel, wie eine Community auf der Basis guter Produkte quasi “von selbst” entsteht. Apples Erfolg basiert dabei v.a. auf einer Person: Steve Jobs. Vielleicht sind es ja nicht Konversationen die Erfolgsfaktoren, sondern Personen, die diese initiieren. Denn aus dem Community-Kontext kennen wir ja die 90/9/1-Regel …

Frank Huber added these pithy words on Jun 01 09 at 19:01

Ich glaube, dass Frank da einen ganz entscheidenden Punkt angesprochen hat. Man erreicht einerseits nicht mehr alle Zielgruppen in dem Maße wie vor einigen Jahren über die Massen- bzw. über klassische Medien, andererseits muss man sich als Marke auch ganz anderen strategischen Herausforderungen stellen. Ich glaube, dass es einfach nicht funktioniert, wenn man mit Push-Kampagnen in den Social Media-Bereich vorprescht in der Hoffnung, dort dieselben Ergebnisse wie in anderen Medien zu erzielen. Hier ist viel mehr Feingefühl von den Marken gefragt und auch wesentlich mehr Markenpersönlichkeit im wörtlichen Sinn. Hier bringt kein einsamer Banner einen Erfolg, der irgendwo – ob nun getargeted oder nicht – positioniert und der Gunst der Nutzer überlassen wird, die dann hoffentlich in der gewünschten Weise darauf reagieren. Marken müssen hier viel stärker in den Dialog mit ihrer Zielgruppe treten und durch Personen zum Leben erweckt werden. Ein weiterer wesentlicher Unterschied zu allen vorherigen Marketing- oder Branding-Maßnahmen: Die Marke, so wie sie sich online darstellt, muss einen signifikanten Mehrwert für die Nutzer schaffen, um anerkannt und akzeptiert zu werden und um das Ziel beim Nutzer zu erreichen, dass sich der Brandmanager hinter der Marke erhofft. Wie sich der Mehrwert dann konkret gestaltet (Interaktion, Unterhaltung, Information, Exklusivität etc.) hängt dann davon ab, was zum gesamten Markenbild am besten passt.

Grundsätzlich sehe das Web 2.0 bzw. Social Media allerdings nicht als vollwertigen Ersatz oder als grundsätzlich besser an als klassische Maßnahmen, sondern als sinnvolle Ergänzung, die man bei manchen Zielgruppen nicht unterschätzen sollte.

Sonja Gottschalk added these pithy words on Jun 02 09 at 11:18

@Sonja Ich finde Du hast die “herrschende” Marken 2.0-Meinung gut zusammengefasst. Ich schreibe Meinung, weil es dazu noch keine Fakten, sondern nur subjektive Einzelfälle, die je nach Situation passend zitiert werden, gibt. Doch ich spiele nochmal etwas Advocatus diaboli: Warum wurde das iPhone von einem Tyrannen und nicht von einem Kollektiv/Wiki erfunden? Siehe dazu http://blog.firstmedia.de/?p=271 Du siehst, es gibt noch viel Bedarf an wissenschaftlicher Forschung zu dem Thema.

Frank Huber added these pithy words on Jun 02 09 at 15:38

Das sich die Einbahnstrasse Werbung one-to-many totläuft und das “Alle Werbemacht der Masse” Phänomen weiter ausbreitet ist eine Tatsache. Die Leute vertauen lieber dem Urteil eine anderen Konsumenten als Fachartikeln, Testberichten oder eben der Werbung. Und da die Konsumentenmeinungen überall frei verfügbar sind, sollten Unternehmen diese Chance nutzen, in Ihre Zielgruppe hineinzuhören – wer das richtig macht, kann sich das Geld für Meinungsforschungsinstitute sparen. Aus eigener Erfahrung mit unseren Kunden sehen wir, dass die Unternehmen wollen. Grösster Stolperstein ist es, Mitarbeiter und Verantwortliche zu haben, die wissen wie und vor allem dann auch machen.

Dirk Worring added these pithy words on Jun 19 09 at 10:49

Dem kann man wenig beifügen – Danke für den Kommentar, Dirk!

Frank Huber added these pithy words on Jun 19 09 at 13:40

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