Ich lese gerade – mehr oder minder zufällig – mal wieder Stefan Niggemeier. Um mal so zu sehen, was der so alles bloggt. Dabei fiel mir sein Blogpost “Schlechter online” direkt ins Auge – den ich mit Erschrecken gelesen habe.

Denn Stefan Niggemeier, der Medienexperte, spricht dort über Dinge, die zum einen nicht nur vollkommen falsch, sondern auch tendenziös sind und so sein vollkommen beschränkte Sichtweise deutlich werden lassen. Denn Niggemeiers Pauschalurteil “Die Verlage und Sender probieren im Internet gerade aus, ob es nicht auch mit weniger Journalismus geht” ist nicht nur unzutreffend, sondern auch vollkommen irreführend und daher unverantwortlich.

Man möchte Niggemeier fast zurufen: “Hallo, Du hast Dich verrannt!”. Doch stattdessen legt sich Stefan Niggemeier gerne mit anderen Journalisten oder Medienexperten an – stets nach dem Motto: “Viel’ Feind, viel Ehr.” Auf seiner persönlichen “Todesliste” stehen Namen wie Kai Dieckmann, Henryk Broder und zuletzt Jo Groebel. (Monate nach der Aufforderung, Kai Dieckmann “abzuschiessen”, brannte übrigens dessen Auto.)

Was mich am meisten dabei stört ist, dass Niggemeier selbst ständig hohe Standards postuliert, diese aber überhaupt nicht einhält. In Sachen Recherche ist er z.B. mehr als nachlässig und auch in Sachen Copyright wählt Niggemeier durchaus schon mal Wege, die dem Graubereich zuzuordnen sind. Denn wie könnte man sonst einen BILDBlog mitverantworten, der letztendlich vom (Marken-)Namen bis zu den Textausschnitten so gut wie fast nur aus “geliehenen” Inhalten bzw. Springer-Content besteht.

Niggemeiers kreatives Armutszeugnis ist offensichtlich, so wie des Kaisers neue Kleider. Selbst käme der gelernte Medienjournalist (mit sehr interessantem Lebenslauf) nie auf die Idee, ein Online-Magazin oder ähnliches auf die Beine zu stellen. Seinen Blog muss er als privates Blog führen, damit er nicht ständig mit Abmahnungen zu tun bekommt. Mit menschlicher Grösse, Rückgrat, Eigenständigkeit oder Kreativität hat das alles wenig zu tun. Sondern eher was mit Einfallslosigkeit.

Niggemeier hält das nicht davon ab, seine Thesen gebetsmühlenartig zu wiederholen: die Qualität des Journalismus im Web ist bedroht, Online-Journalisten müssen nicht schreiben können, Redigieren und Korrigieren ist optional., Jedes Medium wird im Internet zum Boulevard-Medium., Relevanz ist kein Kriterium., Berichtet wird, was mühelos zu recherchieren ist., Redaktion und Werbung müssen nicht so genau getrennt werden., Warum ein gutes Foto zeigen, wenn es auch 100 schlechte tun?, Klicks gehen immer vor Qualität.

Fazit: alles schlecht, nur der (seltsamerweise onlinesüchtige) Herr Niggemeier hat’s erkannt.

Doch wenn Stefan Niggemeier wirklich der Medienexperte wäre, der er glaubt zu sein, dann hätte er sich mal in der Welt umgesehen. Da draussen da gibt es nämlich Dinge, die in der beschränkten und vernagelten Welt deutscher Meckerer und Provinzliebhaber nicht vorkommen dürfen.

Da gibt es mit Huffington Post journalistische Online-Erfolgsgeschichten, die Journalisten vom Schlage Niggemeier nie erreichen werden. Da gibt es mit current.tv Fernsehsender, die Geschichte im Web geschrieben haben. Da gibt es Bürgerzeitungsprojekte wie OhmyNews, die von Millionen von Menschen geschrieben und gelesen werden.

Da gibt es jede Menge innovativer Projekte und Unternehmen auch in Deutschland und v.a. von Regionalzeitungen wie z.B. Fudder.de oder DerWesten.de – aber die dürfte aus Sicht des Experten Niggemeier ja nicht geben.

Da gibt es viele Verleger, die sich Gedanken machen, wie man im Web neue Geschäftsmodelle etablieren kann, damit sich Qualitätsjournalismus lohnt. Niemand im Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger strebt danach, den Privatsendern in Sachen Qualitätsverfall Konkurrenz zu machen – es gibt z. B. ein Forum der Initiative Qualität im Journalismus. Aber da müsste man sich halt mal beteiligen und mitarbeiten (ja, diese Menschen nennen es nicht nur Arbeit, sie verrichten sie auch).

Wenn man aber Niggemeiers frustrierte Aussagen liest und diese auch noch glaubt, kann einem wirklich Angst und Bange werden. Doch es gibt ein Leben vor dem journalistischen Tod und alles ist besser, als sich wie ein deutscher Spiessbürger ans Fenster zu hängen und seine altbekannten Sprüche in Bundestrainer-Manier rauszuposaunen.

Schlimm, dass so was in Deutschland reicht, um einen Grimme-Preis zu bekommen (was für mich im übrigen ein Grund wäre, derartige “Auszeichnungen” abzulehnen). Und ein guter Beleg für Niggemeiers selbstformulierte These vom Niedergang des deutschen Journalismus im Internet.

Denn wenn es anders wäre, würde Herr Niggemeier seinen Ego-Trip abbrechen, seinen Horizont erweitern, einfach mal zuhören, solide recherchieren und eigene Gedanken und Wege finden. Doch die “deutsche Krankheit” hat ihn leider fest im Griff. Er hat ja selbst schon vor Jahren zugegeben, nicht gesund zu sein (Das kann auf Dauer nicht gesund sein, insofern, ja, vielleicht hat es etwas von einer Obsession.”).

In diesem Sinne, Herr Niggemeier, gute Besserung und machen Sie es einfach mal besser online – Ihnen und Ihrer Umwelt würden Sie damit einen grossen Dienst erweisen!

(Disclaimer: Zur Person S. Niggemeier habe ich von daher ein besonderes Verhältnis, weil er schon mehrfach versucht hat, mich auf seine ganz eigene Art durch den Kakao zu ziehen. Stefan Niggemeier, der Top-Rechercheur, hat über mich mehrfach berichtet – ohne mich jedoch auch nur einmal angerufen oder gesprochen zu haben. Auf der DLD stand er vor mir, ohne sich vorzustellen und unfähig einem die Hand zu geben. So jemand ist für mich menschlich gesehen und in Sachen sozialer Kompetenz klar durchgefallen. Nach wie vor verwendet er z.B. gegen meinen ausdrücklichen Willen Fotos meiner Person auf seinem “privaten” Blog – eigentlich ein Fall für den Staatsanwalt.)


COMMENTS / 10 COMMENTS

Viel schlimmer ist seine Feigheit. Wirklich kritische Kommentare oder Trackbacks löscht er, z.B. den, der mich gerade zu Ihnen führte.

tom drommel added these pithy words on Oct 21 08 at 13:04

Ja, das ist leider bei Stefan Niggemeier Standard. Noch ein Indiz für seinen hohen journalistischen Anspruch im Umgang mit Kritik. Ausserdem scheint er das Web 2.0 und Blogs nicht verstanden zu haben. Hier geht es um Austausch von Meinungen und Dialog. Nicht Monolog und Zensur.

Frank Huber added these pithy words on Oct 21 08 at 13:09

Die Polemik hier verwechselt wohl die Blöd-Zeitung mit Hern Niggemeier?
Alles was hier N. vorgeworfen wird, macht die BlödZeitung…

“spricht dort über Dinge, die zum einen nicht nur vollkommen falsch, sondern auch tendenziös sind”
Hä? Wo? Wann? worüber?
Und N. recherchiert nicht?
Feigheit?
Web und Blog nicht verstanden?

Himmelhilf. Auf was für’ner Site bin ich denn hier gelandet? PI-Leute?

Klaus added these pithy words on Oct 21 08 at 13:24

Wenn die BlödZeitung (was für ein Wort?!) das alles so macht, warum macht Herr Niggemeier es dann nicht besser? Entweder er kann es nicht, oder er hat Angst davor. Das ist meine Meinung. Denn Meckern kann jeder kleine Spiesser.

Frank Huber added these pithy words on Oct 21 08 at 13:32

@Frank: Zur Untermauerung seiner Thesen hat Niggemeier m. E. “solide recherchiert” (so wie du es forderst).

Auf die zahlreichen Zitate, die er präsentiert, gehst du nicht ein. Hältst du Geschreibsel über “Haupstadt” [sic] und “Schokoladeneiner” [sic] etwa für akzeptabel?

Und: Einem “Einzelkämpfer” vorzuschlagen, es “besser zu machen” als eine Zeitung mit (laut Wikipedia) 1000 festangestellten Redakteuren, ist ein klein wenig blauäugig, oder?

pjebsen added these pithy words on Oct 23 08 at 16:24

Selektiv gute Arbeit ist gut und schön. Nur Herr Niggemeier ist nicht der Gutmensch für den ihn alle halten – alle Trackbacks dieses Blogposts wurden durch ihn gelöscht. Und wer einen Bildblog machen kann, der kann auch ein wie auch immer geartetes Online-Magazin machen. Dazu braucht man keine 1000 festangestellten Redakteure mehr in Zeiten des Web 2.0 – das werde ich übrigens demnächst beweisen. Für meine Kunden habe ich das übrigens schon mehrfach getan.

Frank Huber added these pithy words on Oct 23 08 at 16:48

@Frank: Keine Ahnung, was du dir davon versprichst, wenn Niggemeier ein “wie auch immer geartetes Online-Magazin” machen würde. Erwartest du auch von Filmkritikern, dass sie in der Lage sind, bessere Filme zu drehen als diejenigen, die sie kritisieren?

pjebsen added these pithy words on Oct 23 08 at 17:16

1. Es ist besser eine Kerze anzuzünden, als über die Dunkelheit zu klagen.
2. Herr Niggemeier ist nach eigenen Angaben Medienjournalist und nicht Medienkritiker.
Ansonsten wäre das natürlich ein gutes Argument.

Frank Huber added these pithy words on Oct 23 08 at 17:24

Nächstes Mal bitte die Disclosure (dass es eine rein persönliche Sache ist) an den Anfang stellen. Dann kann man sich die Suche nach guten Argumenten nämlich sparen. Danke.

hussong added these pithy words on Dec 01 08 at 16:59

Wie gesagt: Wer lesen will und kann ist klar im Vorteil.

Frank Huber added these pithy words on Dec 01 08 at 17:27

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