In der renommierten American Economic Review ist ein Fachartikel mit dem Titel “Valuing New Goods in a Model with Complementarity: Online Newspapers” erschienen. Im Rahmen seiner Analyse will der Autor Matthew Gentzkow ökonomisch-theoretisch die mögliche Verdrängung der Printausgabe durch elektronisch abrufbare News im Internet klären.

“Kannibalisieren sich Zeitungen selbst?” lautet also die Frage, die der Forscher anhand eines Datensatzes zur Mediennutzung der Washington Post empirisch beantworten möchte. Die Antwort liegt auf der Hand: natürlich verdrängt Online Print.

Dazu braucht man sich nur die IVW-Zahlen anzusehen und die Leserstrukturanalysen der Verlage und Fachverbände zu studieren.

Medienbeobachter Andreas Göldi fasst die wissenschaftlichen Erkenntnisse des amerikanischen Forschers zusammen:

  • Die Verfügbarkeit der Online-Ausgabe kostet ca. 1,5% der Print-Leserschaft.
  • Die Online-Ausgabe bringt dem Print praktisch keine neuen Leser und schafft auch keine loyalen Leser – bei einem Absstellen der Website würden die Leser abwandern, statt am Kiosk eine Printausgabe zu kaufen.
  • Theoretisch hätten die User der Internet-Variante eine Zahlungsbereitschaft von etwa 30 $-Cent pro Tag. Transaktionskosten und die Konkurrenz von kostenlosen Websites verhindern aber das Abschöpfen dieserZahlungsbereitschaft.
  • Da der Online-Werbemarkt so stark zugelegt hat, ist es derzeit die profitabelste Lösung, die Website gratis anzubieten und an Werbung zu verdienen.

De facto ist es heute so, dass die grösste Kundengruppe nur die Print-Ausgabe liest – das Verhältnis beträgt 10 zu 1. Doch die Print-Leser sind demographisch betrachtet vor allem ältere Leser, die tendenziell im Zeitablauf abnehmen – Zuwächse an jungen Lesern sind kaum zu verzeichnen.

Der Zeitungsleserstruktur droht also eine dramatische Überalterung und ein Tod auf Raten, der durch kostenlose Angebote im Internet und zunehmend auch in Print (Vormarsch der Gratiszeitungen), beschleunigt wird.

Der Endkunde liebt diese kostenlosen Angebote, da sie ökonomisch gesprochen seine Kosumentenrente maximieren. Alleine die kostenlose Bereitstellung der Washington Post bringt dem Konsumenten einen jährlichen Gewinn von 45 Millionen U$.

Dem stehen zunehmend Gewinne der Produzenten durch Werbung gegenüber, die für den Anbieter eine positive Gesamtrechnung bedeuten. Online Media scheint demnach ein Garant für die Existenz kostenfreier News- und Contentangebote zu sein.

Die crossmediale Konkurrenz der Gratismedien und die Zunahme der von mir postulierten Mediainflation dürfte aber auch hier für einen heftigen Verteilungskampf unter den Anbietern in Zukunft sorgen.


COMMENTS / 4 COMMENTS

[...] Bloggerin – es sind also jede Menge Web 2.0-Funktionen zu erwarten. Mit DerWesten setzt die WAZ ganz zeitgemäß voll auf Werbefinanzierung und lokalen Gratis-Content, stets nach dem mutigen Motto: “Kannibalisiere Dich selbst, bevor es andere [...]

Media-Blog » Archives » WAZ setzt mit DerWesten auf Werbefinanzierung und lokalen Gratis-Content added these pithy words on Oct 28 07 at 22:13

[...] Vorteile einer Online-Ausgabe fasst der Media-Blog so [...]

Online versus Print: Eine Übersicht added these pithy words on Dec 07 07 at 0:48

Göldi fasst nochmal zusammen, was jeder gerade auf dem Markt beobachten kann.
Wie schon seit Jahren postuliert wird, geht Print ein. Warum nur gehen dann einige Online Medien wieder Offline – siehe Ebay, Immoscout etc.? Welche Erfahrungen und Daten haben diese Unternehmen?

Norman added these pithy words on Oct 31 07 at 11:11

Ja, der Göldli war da nicht sonderlich kreativ – da hilft das 100.000 $ MIT Fellow Programm auch nix :-)
Das mit dem wieder Offline gehen finde ich eine interessante Beobachtung. Vielleicht ist die Neukundengewinnung so einfacher – was meine Vermutung wäre. Oder die Offline-Strategie einfach günstiger, bzw. effizienter – weil die Marke Online eh schon sehr stark ist.
Da müsste man mal nachforschen, z.B. unter http://gujmedia.de/portfolio/zeitschriften/ebay_magazin/?nv=rdir

Frank Huber added these pithy words on Oct 31 07 at 12:31

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Print vs. online: Kannibalisieren sich Zeitungen selbst?

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