Eine interessante Frage: Ganz einfach – weil die Weisheit der Massen beschränkt ist. Das behauptet wenigstens der Kritiker Jaron Lanier. Seine Gedanken sind höchst interessant, weil sie den blinden Glauben an das Web 2.0 und Social Networks kritisch hinterfragen.
“Systeme wie Wikipedia, die er dem Konzept der Schwarmintelligenz zuordnet, fänden oder verbreiteten keine Wahrheiten, sondern nur die Durchschnittsmeinung einer anonymen Masse. Die Darstellung von Wissen erfordere dagegen persönliche Kompetenz und Verantwortlichkeit.”
Na, kommt ihnen das aus Blogs und endlosen Kommentar-Diskussionen bekannt vor?
Wikipedia selbst klärt weiter über Laniers Erkennntisse auf:
“Das Internet fördert nach Laniers Meinung den Glauben daran, dass ein Kollektiv Intelligenz, Ideen und Meinungen hervorbringen könne, die denen des Individuums überlegen seien. Diesen Irrglauben nannte er „Digitalen Maoismus“, und er führe dazu, dass – wie in den totalitären Ideologien von Hitler über Pol Pot bis zu den Islamisten – das Kollektiv als wichtig und real angesehen werde, nicht aber der einzelne Mensch.”
Es kommt also auf den einzelnen Menschen, das Individuum an. Daher wurde das iPhone vielleicht von einem Tyrannen und nicht von einem Wiki erfunden. So Lanier in einem Podcast mit Ulrike Reinhard. Das Web 2.0 ist für Lanier “hässlich, unzivilisiert und böse“.
Sicherlich kann man Laniers Thesen als sehr extrem ansehen, aber sie sind ein Gegengewicht zum allgemein verbreiteten Vorurteil der Überlegenheit der Weisheit der Massen. Die DDR produzierte auch auf Weltklasse-Niveau – in den Augen ihrer Bürger.
So scheint es auch beim Web 2.0 zu sein – vor allem Blogger fühlen sich als die besseren und in vielen Fällen schlaueren Menschen. Doch es kommt stets auf das Individuum an. Eine Gruppe intelligenter Individuen kann sicherlich ein hervorragendes System wie Linux auf die Beine stellen.
Doch das ist nicht immer so. Die Kathedrale und der Basar konkurrieren im sozialen Experimentierfeld des Internets und bestehen nebeneinander in einer friedlichen Koexistenz. Insofern wäre es auch falsch die kollektive Weisheit zu verdammen und in ein Entweder-Oder-Denken zu verfallen, im Glauben an die kreativen Höchstleistungen einzelner Individuen im Sinne einer Elite.
Die durchaus gegebenen Erfolge individueller und kollektiver Weisheit sollte man im Rahmen eines Sowohl-Alsauch im “Systemvergleich” analysieren – es könnte durchaus sein, dass ein Patt dabei herauskommt. Doch dafür bedarf es weiterer Forschung – v.a. die Motivationen der Individuen und die Funktion verschiedener Anreizsysteme dürfte dabei sehr interessant sein.
Lanier plädiert – so wie ich – für eine Technik, mit der man im Internet unmittelbar Geld verdienen kann. Denn für viele Menschen ist das der Anreiz, anspruchsvolle Dinge im Internet zu veröffentlichen.
„Derzeit wird die Vorstellung immer populärer, das Kollektiv könne nicht nur Zahlenwerte wie einen Marktpreis ermitteln, sondern verfüge als eine – gern Schwarmgeist genannte – höhere Intelligenz über eigene Ideen, ja sogar über eine überlegene Meinung. Eine solche Denkweise hat in der Geschichte schon mehrfach zu sozialen und politischen Verheerungen geführt. Mir bereitet die Vision Sorgen, nur das große Ganze, das Kollektiv sei real und wichtig – nicht aber der einzelne Mensch. Das war der Fehler in allen totalitären Ideologien“, so Lanier gegenüber dem Spiegel.
„Schnell wird der Einzelne Opfer des Mobs; die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen“, kritisiert Lanier.
Der immer wieder – auch in Blogs auftretende – Internet-Vandalismus, dessen Grundlagen oft als neue Freiheit gefeiert werden, ist damit nicht besser zu beschreiben. Vielleicht würde eine Diskussion um digitale Identität, Verantwortlichkeit und Marktanreize das Web 2.0 weiter bringen, als die herrschende, graue und einfallslose Mischung aus Anarcho-Denken, Durchschnittsmeinung und Anonymität.
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Media-Blog » Archives » Blogs fehlt eine Identifikationsfigur added these pithy words on Feb 26 07 at 10:34[...] der Blog-Mob setzt gezielt auf Googles Elefantengedächtnis um den Ruf einzelner zu schädigen. Die von Jaron Lanier geforderte Verantwortlichkeit fehlt da vollkommen. Die Weisheit der Massen ist beschränkt und endlich – die Tendenz zur Durschnittsmeinung sehr [...]
Media-Blog » Archives » Apple iPhone: so wird ein Produkt (-launch) zum Event added these pithy words on Jun 08 07 at 15:40[...] so viel individueller Intelligenz, die sogar die Weisheit der Massen viral ansteckt, kann man nur den Hut [...]
Media-Blog » Blog Archive » Die mediale Rentnerdemokratie vs. freier Markt - oder für welches Monopol arbeiten Sie? added these pithy words on Feb 28 09 at 23:15[...] – denn wenn man Kritik äußert, dann sollte man sie wenigstens fundiert und kompetent vertreten (Jaron Laniers Gedanken wären z.B. ein Ansatz). Denn während deutsche Super-Brains wie Weigend und Ockenfels Amazon und [...]
Die Dialektik des Web 2.0 – oder: Sind die Massen oder Tyrannen weiser? « Thema, Massen, Schwarmintelligenz, Laniers, Denn, Internet, Sind, Weisheit « Media-Blog added these pithy words on Dec 14 09 at 2:01[...] nutzergenierte Web 2.0 und die Weisheit der Massen so erfolgreich sind und auf der anderen Seite Tyrannen (und nicht Wikis) so bahnbrechende Produkte wie den iPod und das iPhone erfinden – was ist dann wahr oder richtig? Existieren hier zwei Wahrheiten [...]
Martin Maier added these pithy words on Mar 12 07 at 5:08das spielt doch eigentlich keine Rolle – hauptsache es ist bald da…
) http://www.iphoneinfo.de
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