Das Internet ist schon eine journalistische Hölle: in der digitalen Arena kommen alle zusammen. TV, Print, Online-Medien kämpfen um die Aufmerksamkeit der raren Leser. Und die wollen immer öfter mitreden. Und zwar in Blogs.
Das ändert das Bild des journalistischen Arbeitens total: zum Dreiklang “Recherchieren, Redigieren, Publizieren” kommt das ständige Diskutieren dazu. Denn jeder will nicht nur der schnellste sein mit seinem Artikel, sondern jeder Blogkommentar will auch noch gelesen, gewürdigt und möglichst intelligent beantwortet werden. Das ist der neue, moderne Vierkampf im Journalismus.
Das Sender-Empfänger-Modell ist Historie. Vom One-to-many-Modell der alten Welt bleibt nichts übrig. Die Interaktion hat gesiegt. Folge: der von mir so genannte “fire-and-forget”-Journalismus (einmal gesendet, nie mehr was von gehört) ist tot – und im Netz so leer und ausgebrannt wie eine Rakete, die man in den Silvesterhimmel geschossen hat.
Das wird die Medienhäuser wie die WAZ mit ihren Projekten wie WAZlive WestEins auch bald zu spüren bekommen (Prophezeiungen mache ich in der Hinsicht nicht mehr, da sie meist eintreffen …). Eine Randbemerkung (- nur für Verleger -) sei erlaubt: dpa-Meldungen selektieren und ins Netz stellen, bringt es nicht mehr, weil die Redundanz riesig ist – daher wird die dpa im Online-Bereich riesige Schwierigkeiten bekommen. Mit mir fängt es an: ich habe den Bezug von dpa-News mit meinem Portal zum 31.8.2006 gekündigt (Adieu, Herr Zwick! Gut, dass mich die hohen Preise von einem Weiterbezug abgehalten haben).
Zurück zu den moderneren Verlegern = Medienhäusern (als Kunden und oft Gesellschaftern der dpa), die wie die alte Tante WAZ durch ein Lifting wieder jung und schön werden wollen: Den lokalen Content noch dazu zu verschenken, bringt noch weniger.
Ach diese Tageszeitungsverleger: erst verlieren sie die rubrifizierten Kleinanzeigen ans Netz (mobile.de, scout24-Gruppe, …), dann die Personalanzeigen (monster.com, jobs.de, etc), dann ihren exklusiven Lokal-Content (WAZ) und am Ende nicht nur den Leser, sondern auch den Abonnenten. Tolle Leistung. Denn die Verleger kleiden sich zwar in neuen, modernen Begriffen (aus Tageszeitungsverlag XY wurde Medienhaus) sollten aber auch modern und v.a. immer an den Leser denken. Und der soll plötzlich für das Medienhaus arbeiten. Verkehrte Welt.
Denn die unterliegende Annahme bei all den tollen Projekten ist natürlich, dass man durch das Web 2.0 und den neuen Bürger-Journalismus viele, viele Redakteure sparen kann (AAL-Prinzip des schlauen Weigend) und nebenbei noch Geld für Werbung hinterhergeworfen bekommt. Das ist sehr kurzfristig gedacht (obwohl die clevere BILD mit seinen Leser-Reportern keck die Chance nutzt). Denn Blogs sind eben gerade keine “fire-and-forget”-Medien, sondern erfordern MEHR Journalisten und MEHR Herzblut, als der Laie denkt.
Journalisten als Quality-Blogger leisten harte Arbeit (derzeit meist unbezahlt) und beschäftigen sich als Full-time-Job rund um die Uhr mit ihrem Blog. Blogs haben keinen Feierabend. Daher wird auch aus Blogs als Übungsbahn für Praktikanten nix – hier sind bald Profis gefragt, keine angefahrenen Schulkinder.
Zur Klassifizierung: ich verwende bewußt den Begriff “Quality Blogger” und nicht mehr A- und B-Blogger. Denn letztgenannte sind alle A- = Amateur-Blogger. Und “Quality Blogger” werden immer mehr gebraucht und viel schneller Erfolg haben. Ich sehe nämlich in der Blogosphäre durchaus Potenzial für die neuen Wallraffs (BILDBlog ahmt ihn ja irgendwie schon nach) oder andere Journalisten vom Schlage eines Klaus Bednarz oder Christoph Süß.
Doch auch diese Talente wollen leben – dem dominanten Armutsdenken zum Trotz. Dieses Denken nach dem Motto: “Den Armen bleibt der Geiz (und der soll auch noch geil sein), die Gier der Oberen ist endlos” – motiviert sie nicht. Und auch von der Publicity, dem Ruhm und der Ehre mit dabei zu sein, kann man sich auch nichts kaufen.
Da ich (Danke, fürs Feeback Mr. “RTL News Development”) kürzere Texte schreiben soll, wende ich mich der Q-Blogger-Finanzierungsfrage im nächsten Beitrag zu. Bleiben Sie dran – ich zähl’ auf Sie!
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Media-Blog » BILD sucht Praktikanten für sein Web 2.0-Konzept added these pithy words on Aug 27 06 at 17:12[...] Und ich sach noch: für Blogs braucht man mehr Journalisten. Oder Praktikanten. [...]
Media-Blog » Newsplex und die Zeitung der Zukunft - Anforderungen an Contentanbieter von morgen added these pithy words on Oct 09 06 at 12:48[...] Doch nun zum enormen, Mannjahrhunderte umfassenden Beratungsbedarf deutscher “Medienhäuser”. Strategisch gilt es zunächst einmal die Voraussetzungen für eine crossmediale Strategie in der Ausbildung der Journalisten zu schaffen. Der Crossmedia-Journalist und Content-Superman existiert bisher nur in den Köpfen der Verleger. Und auch die ständige Auseinandersetzung mit dem Publikum schreckt viele Journalisten ab. [...]
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